Informationsflut

16. Oktober 2020

Das 21. Jahrhundert ist mit seinen technischen Neuerungen und damit verbundenen Umstrukturierungen des allgemeinen alltäglichen Lebens immer wieder mit dem Begriff „Informationsflut“ in Verbindung gebracht worden.

Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass in unserer Zeit viel zu viele Informationen auf uns einprasseln. Dies ist nur zum Teil korrekt, denn das Wort „Information“ impliziert, dass die Daten, welche wir im Alltag bewusst oder unbewusst aufnehmen, für uns bereits eine Bedeutung haben. Es ist aber lediglich so, dass nur der Sender/Bereitsteller der Daten diese tatsächlich auch Informationen nennen kann. Für den Empfänger verfestigen sich diese Daten erst bei einer aufmerksamen Erfassung selbiger zu wirklichen Informationen im semantischen Sinne des Wortes.

Geht man morgens also durch die U-Bahn-Station, so nimmt man erstmals unbewusst eine Vielzahl an Daten auf, beispielsweise als Werbung auf Werbeflächen. Erreicht eine interessante Werbung für eine neue Zeitschrift die Aufmerksamkeit des Betrachters, so fügt sich diese endlich einer Information zusammen: Welche Zeitschrift nehmen wir gerade wahr und welche Inhalte besitzt diese?

In der digitalen Welt ist diese Datenflut auf noch kleinerem physischen Raum (Display des Smartphones oder Laptops) in noch kürzerer möglicher Zeit (durchwischen von verschiedenen Inhalten in sozialen Netzwerken) noch größer, woraus sich folgendes Dilemma ergibt: Entweder wird mehr Inhalten Aufmerksamkeit geschenkt oder es muss aus einer größeren Menge selektiert werden, wie die verfügbare Aufmerksamkeit „verteilt“ wird. In beiden Fällen erhöht sich der Aufwand für das Gehirn, woraus im schlimmsten Fall die typischen modernen Symptome des allgegenwärtigen Stresses und psychischer Überlastung resultieren.

Im Mittelalter war ein durchschnittlicher Mensch wohl im ganzen Leben weniger Reizen ausgesetzt als ein heutiger Erdenbürger. Durch das Internet ist es möglich Neuigkeiten aus allen Teilen der Welt für alle persönlichen Interessensgebiete in Sekunden einzuholen, hinzu kommen noch externe Eindrücke, die uns in der vom Menschen geschaffenen Welt (Zivilisation) begegnen.

Hieraus ergibt sich die Frage, worauf sich dieses Grundbedürfnis an Informationen (und nicht an Daten) begründet, welches den Menschen zu dieser Entwicklung getrieben hat. Vermutlich findet sich die Antwort in der Evolution: Menschen, die sich mehr Informationen verschafft haben konnten besser überleben als diejenigen, welche nicht daran interessiert waren. Dies erklärt sich alleine schon aus der Tatsache, dass Innovationswissen eben nur durch Informationsaustausch weitergetragen werden kann und deswegen ein Informationsdrang langfristig einen Wettbewerbsvorteil bedeutet hat.

Heutzutage trifft diese Logik nicht mehr zu, da einerseits der natürliche Überlebenskampf von der Zivilisation ausgehebelt ist und andererseits mehr Daten zur Verfügung stehen, als überhaupt jemals von einer Person aufgenommen werden könnten. Bereits vor einigen Jahrzehnten war der Trugschluss verbreitet, man müsse beispielsweise durch Zeitunglesen oder Nachrichtenkonsum „informiert“ sein. Rational betrachtet besitzt ein Mensch, der keine Neuigkeiten konsumiert keinen Wettbewerbsvorteil gegenüber jemandem, der auf Medienkonsum verzichtet. Vielleicht ist es sogar umgekehrt, dass letzterer aufnahmefähiger für wirklich wichtige Informationen ist.

Es ist also generell nicht nur wichtig, sondern sogar absolut notwendig Daten zu filtern, um entsprechend brauchbare Informationen zu erhalten, die entsprechend verwendet werden können. Als Beispiel könnte der Wetterbericht genannt werden, der in der Tagesschau täglich für das ganze Land präsentiert wird, während man über das Smartphone nur bei Bedarf über das örtliche Wetter informiert werden kann. Durch diesen Filter werden auf einfache Art redundante Informationen vermeidet, die unter Umständen eher noch für Verwirrung sorgen könnten (War bei mir oder in Berlin Regen angesagt). Ein Filtern der Informationsaufnahme, also der Daten, welche tatsächlich über die Wahrnehmung verarbeitet werden sollen, ist also ein erster Schritt zum bewussten Umgang mit der sogenannten Informationsflut der Moderne.

Als nächstes muss entschieden werden, wie mit den gewonnenen Informationen verfahren wird: werden diese nur temporär benötigt wie im Wetterberichtsbeispiel oder sollen diese langfristig zur Verfügung stehen? Stellen diese nur einzelne Puzzlestücke dar, welche mit anderen noch nicht bekannten Informationen letztendlich zu einem neuem Muster zusammengefügt werden wie etwa beim Lernvorgang in einem Studium, an dessen Ende ein gesamtheitlicher Überblick über eine gewisse Thematik steht? Eine schematische Ordnung von Informationen nennt man Wissen, d.h. Informationen werden für einen bestimmten Zweck strukturiert und sortiert. Diese Erkenntnis stellt den zweiten Schritt des Umgangs mit der Informationsflut dar: das Ordnen von Informationen.

Gleichzeitig ergibt sich hieraus der eigentliche Zweck der Informationsaufnahme, der vielleicht zu Beginn noch gar nicht bekannt ist.

Erfährt man beispielsweise im Wetterbericht auf dem Smartphone, dass gerade die Eisheiligen wüten und ist dahingehend interessiert, dieses Phänomen genauer zu untersuchen und einzuordnen, wird man erfahren, dass die Eisheiligen jedes Jahr um die gleiche Zeit auftauchen. Diese Information erscheint im Moment der Aufnahme interessant und nützlich, wird sie aber nicht dauerhaft benutzt, so sortiert das menschliche Gehirn diese als unwichtig aus. Besitzt man hingegen eigene Pflanzen und lässt sich vom Smartphone jedes Jahr Anfang Mai erinnern, dass die Eisheiligen demnächst anstehen, so kann dieses dadurch gewonnene Wissen dazu genutzt werden, einige Pflanzen vor dem unschönen Frost zu bewahren.

Im Allgemeinen kann das menschliche Gehirn bereits als entsprechend angepasst beschrieben werden, indem es auf das Leben gesehen für uns die beiden Schritte Filterung und Sortierung automatisch durchführt. Der Mensch ist viel mehr Reizen ausgesetzt, als wir eigentlich wahrnehmen, weil unser Gehirn durch die bewusste Aufmerksamkeit bereits als unwichtig betrachtete Reize vorfiltert. Sind bestimmte Informationen besonders einprägend (z.B. Schmerzerfahrung an der heißen Herdplatte) oder wiederholen sich öfters, so ordnet das Gehirn diese Informationen als wichtig oder unwichtig ein und formt so das menschliche Wissen.

In der modernen Welt wird das Gehirn nun dahingehend überfordert, dass aufgrund der Informationsflut mehr potentielles Wissen geliefert wird als tatsächlich aufgenommen werden kann, da eben durch die Fülle an verdrängenden Nachfolgeinformationen Wissen nur noch in Ausnahmefällen oder bewusst künstlich generiert werden kann. Das bedeutet, dass sich der Mensch bewusst für die Datenaufnahme entscheidet, die für ihn sinnvolles Wissen bedeuten könnten. Dadurch bekommt das klassische Studium in unserer Zeit eine ganz neue Bedeutung, da dadurch tatsächlich ein Rahmen für zu erwerbendes Wissen definiert und erbaut werden kann (lateinisch studere: nach etwas streben).

Youtube-Videos, Podcasts oder Internetartikel können noch so interessant sein, wenn sie keine Bedeutung innerhalb eines individuell gewünschten Wissensspektrum haben werden wir die daraus kurzzeitig gewonnenen Informationen vergessen. In diesem Fall stellt ein solcher Zeitvertreib strenggenommen Zeitverschwendung dar, auch wenn er von manchen Zeitgenossen als „informativ“ oder gar „wissenswert“ angepriesen wird.

Natürlich besteht das Leben auch nicht immer aus der Verpflichtung Wissen zu schaffen, im Gegenteil bietet eben seichte Unterhaltung für viele Menschen Entspannung. Nur sollte sich jeder im Hinblick auf diese Analyse fragen, wie er sich in der heutigen Welt der Informationsflut bewegen will: Wie viel Zeit, die ich in der Vergangenheit eigentlich in die vermeintliche Selbstoptimierung gesteckt habe, war nüchtern betrachtet vergeudet? Und kann ich in Zukunft bewusster ein Wissensziel definieren, für welches ich entsprechende Inhalte konsumiere? Tue ich besser daran, statt einer zugegeben „interessanten“ oder „spannenden“ Serie lieber bei einem Spaziergang natürlichere, entspannende Sequenzen zu „konsumieren“, wenn doch bei beiden als Resultat am Ende eben kein Wissen steht, sondern gerade der Erholungsfaktor bei der reizflutärmeren Naturvariante sinnvoller wäre?

Es könnte sehr wohl sein, dass in Zukunft genau diese Fähigkeit des Filterns und Sortieren von Informationen einen Wettbewerbsvorteil bietet: Wer behält einen kühlen Kopf und erarbeitet sich passgenaues, praktisches Anwendungswissen, während andere durch völlige Orientierungslosigkeit inmitten der Informationsindustrie auf den Burnout zusteuern?

In diesem Sinn bleibt zu hoffen, dass dieser Text für einige Menschen die Sperrspitze der Informationsflut bildet.