Von der Ewigkeit

27. Januar 2020

Der moderne Mensch hat ein schwieriges Verhältnis zur Ewigkeit, mehr noch wird der Eindruck gewonnen, dass mit fortschreitender sogenannter Modernität bereits Langfristigkeit ein aussterbendes Modell ist. Derweil ist Langfristigkeit die Grundlage dafür, dass unsere Zivilisation überhaupt erst möglich ist: Hätte es keine langfristigen Planungen gegeben, so wäre der Mensch früher oder später infolge von mangelnden Ressourcen(Überbevölkerung) oder unvorhergesehenen Ereignissen ausgestorben, zumindest wäre dies eine zu hinterfragende These.

Der Beginn des Ackerbaus und der damit einhergehenden Möglichkeit der Einplanung von Lebensmitteln ermöglichte erst einen dauerhaften Handel, verstärkend wirkten an dieser Stelle infolge des dadurch aufkommenden Wohlstandes Technologien wie das Erhöhen der Haltbarkeit durch Kühlen oder über den Nahrungsbedarf hinausgehende Erzeugnisse wie Kleidung und Werkzeug, welche angesichts eines andauernden Hungerns nahezu wertlos gewesen wären. Auch eine soziale Organisation erscheint vor allem langfristig sinnvoller, da die Ausbildung von individuellen Kompetenzen und die daraus resultierende unterschiedliche Spezialisierung untereinander erst auf Dauer einen lohnenden Hebeleffekt erzielt, das simpelste Beispiel der Funktionsweise dieses Prinzips ist die weltweite Selbstverständlichkeit einer Ausbildung/eines Studiums nach dem Erreichen einer gewissen geistigen und körperlichen Reife(Erwachsenenalter).

Doch obwohl die Machtposition des Menschen in der Welt scheinbar maßgeblich von seiner Fähigkeit, langfristig zu denken abhängt oder zumindest daraus resultierte, ist aktuell auf diesem Gebiet ein absteigender Trend zu erkennen. So ködert die moderne Welt die Verbraucher mit bestmöglich sofortiger Erfüllung des Gewünschten. War vor einer oder zwei Generationen Sparen beispielsweise noch eine hohe Tugend, so hat die Verschuldung auch für lächerlich erscheinende Anschaffungen mittlerweile gesellschaftliche Akzeptanz gewonnen. Der Tausch der moralischen Sittlichkeit, über einen längeren Zeitraum hinweg auf Wunschobjekte zu sparen gegen den unreflektierten Zwang, gegen Aufnahme von Schulden sofort zu konsumieren, markiert vielleicht den Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, der zurecht mit dem lateinischen Wort Dekadenz beschrieben werden kann. Ausschlaggebend ist die instinktive Infantilität der Gesellschaft, alles am besten sofort haben zu wollen, während das regelnde Element fehlt(früher: größere Sorge um die Zukunft), welches den Blick auf das ferne Ziel schärft.

Dem zwingenden, zutiefst menschlichen Versuch, den aktuellen Wohlstand aufrechtzuerhalten bzw. sogar auszubauen treibt der Keil des fehlenden Vertrauens in den Inbegriff der Prosperität: das Geld. Da Geld per se jedoch an Vertrauen gebunden ist, fehlt hinsichtlich dem Sparen auf ein mit Geld zu kaufendes Zieles die Zuversicht, die Unsicherheit der Erfüllung des strategischen Zielobjekts in Kauf zu nehmen. Prinzipiell wäre dieser Umstand kein generell frappierendes Hindernis, wenn nicht die weltweite Gesellschaft in der heutigen Weise so stark auf Konsum getrimmt und ausgerichtet worden wäre. Mit dem dadurch entfachten umfassenden Konkurrenzdruck wird ein triebischer menschlicher Urinstinkt angesprochen, der auf abstrakte Begriffe wie ein weit entferntes Ziel nicht anwendbar ist, selbst wenn dieses Ziel materialistischer Natur ist. Sinnbildlich wäre dies der uncoole Teenager mit dem Bausparvertrag, der gegen den Heranwachsenden im auf Pump geleasten Porsche abschmiert.

Zugleich wird durch den globalen Strukturwandel eine Situation geschaffen, die geeignet ist, jegliche Objekte rein auf ihren materialistischen Charakter zu reduzieren, indem durch Kostenoptimierung aufgrund des nahezu idealisierten Konkurrenzdruckes sowie damit einhergehenden galoppierenden technischen Fortschrittes ein Festhalten an alten, liebgewonnenen Objekten zunehmend sinnloser wird. Während früher eine Reparatur eines Elektroartikels durchaus lohnenswert war, ist heute der Ersatz durch eine neuwertige Alternative in wirtschaftlicher Sicht gängige Methode. Eingebaute Obsoleszenz zersetzt die letzte Möglichkeit, zumindest durch die Dauer der Bindung an das Objekt ein emotionales Verhältnis aufzubauen. Wer kann sich nicht an sein erstes Auto erinnern, das nur ungern gegen ein zugegeben besseres Modell ersetzt werden musste, nachdem eine Reparatur letztendlich sinnlos gewesen wäre? Wie groß war hier die emotionale Bindung im Gegensatz zu einem Smartphone, welches zum eigenen Ärger nach bereits 1-2 Jahren leistungstechnisch unzureichend ist?

Zur Folge hat dieses Phänomen, das selbst die Veränderlichkeit von sozialen Strukturen als vollkommen normal hingenommen oder sogar betrachtet wird, indem Menschen lediglich ein ökonomischer Wert in Höhe ihres Nutzens zugewiesen wird. Wie wertvoll wäre anstatt dessen das Verfolgen eines langfristigen gesellschaftlichen Zieles? Als Beispiel kann hier der Ortsfremde genannt werden, der sich aufgrund seines wirtschaftlichen Vorteils oder sogar Zwangs gegen einen schlechter ausgebildeten oder mehr Geld verlangenden Ortseingesessenen „durchsetzt“: Hier ist die Folge lediglich der Vorteil für das dadurch profitierende Unternehmen, während alternativ beispielsweise die Ausbildung einer stärkeren Dorfgemeinschaft die Folge wäre.

Die Frage hierbei ist, ob es sich um eine gezielte Störung einer höheren Wertigkeit handelt oder einen Effekt, der im Zuge von natürlichen Mechanismen (z.B. Marktprinzip) eintritt, wobei letztere in so vielerlei Hinsicht beeinflusst werden (Subventionen), dass von ersterem ausgegangen werden muss. Mit dieser Annahme könnte untersucht werden, warum diese Förderung von unreflektierter Kurzfristigkeit stattfindet und wer davon profitiert. Unterschieden werden kann zwischen Gruppen, die bewusst und unbewusst von dieser Erscheinung profitieren oder sogar leben. So wird ein einfacher Händler, der Ratenzahlung als Zahlungsbedingung anbietet keine „bösartigen“ Bestrebungen haben außer der Maximierung des eigenen Profits. Dahingegen werden kalkulierende Machthaber, welche erheblicheren Einfluss auf eine Gesellschaft haben und vielleicht sogar noch in gewisser Weise in Konkurrenz zur zu betrachtenden Gruppe stehen ein Interesse daran haben, langfristige und damit höherwertige, die eigene Stellung gefährdende Ziele anzustreben geschweige denn umzusetzen. Als Beispiel mag hier eine Gruppe politischer Machthaber gelten, welche einen gewissen Standard bei der sie beherrschenden Gesellschaft tolerieren (Brot-und-Spiele-Prinzip), allerdings jeden Versuch die eigene Stellung anzugreifen (Gründung einer Interessensgemeinschaft zur Durchsetzung eigener Ziele) niederringen werden. Nun mag an dieser Stelle der Vorwurf einer paranoiden Einstellung laut werden, allerdings gibt es keinen Grund zur Annahme, warum dies nicht so ablaufen sollte, denn bis zu einem gewissen Grad wird die Langfristigkeit bestimmter Ziele schon gefördert: wenn es von Nutzen für die Dienlichkeit ist, das bedeutet, wenn dieses System ansonsten zerbrechen würde. Hierfür sind Beispiele die immer sehr wirtschaftsbezogenen Bildungsperspektiven (Studium, Ausbildung), ohne welche eine Aufrechterhaltung einer Gesellschaft an und für sich nicht mehr möglich wäre. Es kann dadurch also angenommen werden, dass unser Leben ohne diese „Minimalmaßnahmen“ überhaupt nicht mehr funktionieren würde. Sobald es jedoch um höhere Werte geht, welche über den Materialismus hinausgehen, ist Langfristigkeit immer eine Gefahr für das bestehende „System“, wenn man den funktionierenden Zustand als so gewollt annimmt.

Doch egal, ob es sich bei dem aktuellen Zustand um etwas gewolltes oder zufälliges handelt, die zentrale Frage für den Einzelnen ist, ob es nicht möglich wäre einen Perspektivenwechsel in Erwägung zu ziehen? Warum zum Beispiel sollte man einen Baum pflanzen, wenn im eigenen Leben der vollständige Nutzen des Baumes gar nicht mehr ermessen werden kann? An dieser Stelle geht die Diskussion um Ziele in den philosophischen Bereich, ab hier beginnt jene Ebene, die eigentlich mit „Glaube“ bezeichnet werden kann. Gewiss kann das Leben egoistisch gelebt werden, sofern mit Egoismus ein auf sich selbst zentralisierter Materialismus gemeint ist. Allerdings beantwortet diese Lebensweise nicht die Frage nach einem Lebenssinn, während eine dem eigenen Leben übergeordnete Lebensweise dies tut.

Dadurch bleibt das Schicksal nicht immer nur mehr eine Frage des Zufalls, sondern präsentiert sich als erfolgreicher Ablauf geplanter Ziele vorheriger Menschen. Natürlich kann ein zufälliger Verkehrsunfall davon nicht rückgängig gemacht werden und muss weiter als Schicksalsschlag gelten, jedoch ist die scheinbar zufällige Position, in die eine Person hineingeboren wird, nunmehr maßgeblich beeinflusst von den über Generationen hinweg geplanten Zielsetzungen der Vorfahren, dies nicht nur auf materieller (Erbe, Prosperität der Umgebung), sondern auch auf geistiger Ebene (Sitten, Traditionen, Werte, Weltanschauung, wiederum Lebensziele), selbst wenn diese geistigen Eigenschaften überliefert und angeeignet werden müssen.

In der reinen Natur ist immer wieder das Wachstum als zentrales Element zu erkennen, so dass sich die Frage stellt zu welchem Zweck? Was bringt es der Pflanze, so hoch wie möglich zu wachsen und die reifsten Früchte hervorzubringen, wenn sie am Ende des Sommers doch eh genauso niedergeht wie die mickrigen Pflanzen neben ihr? Die Antwort ist, dass der tiefe Wille der Natur über das individuelle Lebewesen hinausgeht, sondern nur im übergreifenden Wachsen ihren Sinn erkennen lässt. So dürfen auch für den Menschen lebensübergreifende Ziele als edelste Form von Wachstum angesehen werden. Dies leitet uns zur Frage über, wo wir als Menschen überhaupt hinwollen: Wollen wir unser Leben in Kurzweiligkeit verebben lassen oder wollen wir eine  Beitrag leisten zum ewigen Wachstum im Einklang mit dem Grundcharakter der Natur? Können wir die Werke, die über unser eigenes Leben hinaus Bedeutung haben nicht als erstrebenswerter ansehen als egoistischen Hedonismus? Gewiss gehört zum Leben auch dazu, sich einmal eine Pause zu gönnen und seine erfolgreichen Schritte zu feiern und zu genießen, nur besteht nicht ein Unterschied zwischen dem Zelebrieren von Meilensteinen und dem rastlosen Umherwandern auf der heimlichen Suche nach einem Sinn? Und fühlt sich ein entspanntes, wohlüberlegtes Arbeiten auf ein großes Ziel nicht wohlgefeiter an als hastiges, orientierungsloses Konsumieren? Bei einem Spaziergang im Wald kann beobachtet werden, wie wohltuend die großen Bäume dastehen, fest verwurzelt im Boden und bereit, bis zum Fall in den Himmel zu streben, bis der nächste Sprössling diese Reise an derer statt antritt. Die Ewigkeit indessen sollte eine kurze Überlegung wert sein.