Das Virus

13. März 2020

„Schlimm mit diesem Virus“ sagte Frau Müller als sie in der Nudelabteilung kurz innehielt und sich einer älteren Frau zuwandte, die etwas gedankenverloren gerade im Mittelgang mit ihrem Rollator vorbeikroch.

„Ja da haben wir wirklich ein großes Problem in Deutschland“, antwortete die alte Frau und setzte einen Blick zwischen Betroffenheit und Überlegung auf. „Und wozu das alles führt, weder Nudeln noch Klopapier bekommt man hier mehr“, schimpfte Frau Müller und deutete auf die leeren Regale, in denen nur noch vereinzelt einige Restbestände der teuersten Nudeln zu finden waren.

„Da haben Sie vollkommen Recht, aber mit den Konsequenzen müssen wir wohl jetzt leben“, nickte die alte Frau und blickte von der linken zur rechten Seite der Nudelabteilung. „Aber“, führte die Seniorin fort, „ich glaube diese Zeiten haben auch etwas Positives an sich, immerhin hat man die Möglichkeit den Virus jetzt ein für alle Mal hinter sich zu lassen“.

„Das will ich aber nicht hoffen, dass Sie den Virus auch bekommen“, sprach Frau Müller verdutzt, „gerade Sie als ältere Person gehören zur absoluten Risikogruppe!“. „Ich glaube nicht, dass ich mich in meinem hohen Alter noch anstecken lasse“, lachte die alte Frau kurz auf, „mein ganzes Leben bin ich in der Hinsicht gesund geblieben, was hätte ich denn jetzt davon?“.

Nun war Frau Müller verwirrt, senkte die Augenbrauen rätselnd und vergewisserte sich noch einmal: „wir sprechen schon beide vom selben Virus, oder? Vielleicht verwechseln Sie ja den Corona-Virus mit der üblichen Grippe, das ist aber etwas anderes!“.

Die alte Frau schob ihren Rollator noch einmal ein, zwei Schritte nach vorne, um sich beim Sprechen nicht so sehr anstrengen zu müssen und antwortete dann: „Wenn Sie von diesem Corona-Virus reden, dann haben wir uns wohl wirklich missverstanden. Ich rede von einer Krankheit, die die Menschen schon seit sehr langer Zeit befällt: Der Virus, der mir in den Kopf gekommen ist nennt sich Egoismus, manche nennen ihn aber auch Gier oder Neid. Sehen Sie sich einmal um: Wenn alles gut läuft, dann reden die Leute viel vom Sozialen, von der Solidarität und von Gemeinschaft. Aber nun, wo jeder Angst hat, ihm könnte das Klopapier ausgehen, wird lieber das 10-fache gekauft von dem, was man eigentlich braucht. Anstatt einmal an die Leute zu denken, die dann wirklich ein Problem haben, wenn der einzige erreichbare Supermarkt keine Waren mehr hat, fährt man lieber selbst bequem in den nächsten Ort, um auch dort noch alles wegzukaufen, was man am Ende sowieso nicht braucht. Und machen Sie sich um uns ältere Menschen mal keine Sorgen, uns wird schon geholfen: wir haben früher gelernt, dass man in Krisen zusammenhält und nicht jeder nur auf sich selbst schaut. Im Keller habe ich noch genug Vorräte aus meinem Garten vom letzten Jahr, damit ich mich selber versorgen kann und sogar noch denen Leuten etwas abgeben kann, die mir bei der Ernte geholfen haben. Besorgt bin ich nur um all diejenigen, die das Wort „Zusammenhalt“ nur von ihren eigenen Worten und nicht von Taten kennen, aber vielleicht wird der Virus, den Sie gemeint haben, auch diese Menschen von ihrer Krankheit heilen. Ich wünsche Ihnen auf alle Fälle viel Glück und Gesundheit für die nächste Zeit“. Damit ging die alte Frau mit dem freundlichen Gesichtsausdruck an Frau Müller vorbei weiter in die nächste Abteilung. Frau Müller starrte auf die vielen teuren Nudelpackungen in ihrem Einkaufswagen und erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie sich doch von der Angst und Gier der anderen Leute hatte anstecken lassen. „Schlimm mit diesem Virus“, murmelte Frau Müller und legte die Nudelpackungen zurück in die Regale.