Der alte Mann und der Brief

30. November 2018

Wider aller Erwarten war doch noch Väterchen Frost eingezogen in die kleine Stadt, es war wenige Tage vor Weihnachten und dicke Schneeflocken legten sich leise auf die Häuser und Gassen.
Auf der kleinen Bank vor der Postfiliale saß ein alter Mann mit grau-weißem Bart, der gerade fein säuberlich verzierte Buchstaben auf ein dickes Blatt Papier malte. Schließlich kam ein junger Bursche vorbei, der seine Blick gerade von seinem Smartphone abwendete, als er den alten Mann erblickte.
„Guter Mann, es ist eine Schande, dass Sie sich bei diesem Schneetreiben immer noch mit Briefe schreiben abmühen müssen. Die Buchstaben sind schon halb verwischt und das Abschicken kostet auch noch Zeit und Geld. Mit einem Smartphone könnten Sie so viele kostenlose Nachrichten schnell und bequem abschicken, wie Sie wollen. Falls Sie eins haben kann ich Ihnen gerne zeigen, wie das funktioniert.“
Der alte Mann schaute durch seine Brille hinweg nach oben zu dem Jungen und schmunzelte: „Und so schnell wie die Nachrichten verschickt sind, so wenig wird über den Inhalt nachgedacht. Es ist nett gemeint, aber der Inhalt meines Briefes ist mir viel zu wichtig, als ob Zeit eine Rolle spielen würde“.
Der Junge war ein wenig verdutzt über die schlagfertige Antwort, gab aber noch nicht auf und versuchte weiter, den alten Mann von der modernen Technik zu überzeugen: „Wenn Sie wollen, können Sie sich so lange Zeit nehmen wie nötig, umso praktischer ist es, dass Sie die Nachrichten korrigieren oder sogar löschen können, falls Sie versehentlich einen Fehler gemacht haben. Das ist bei einem altmodischen Brief sicherlich nicht so einfach möglich“.
Der alte Mann jedoch ließ nicht locker, und konterte erneut mit einem forschen Blick: „Genau das ist das Problem der heutigen Gesellschaft: Es wird nicht mehr vor dem Absenden nachgedacht, nicht mehr reflektiert, weil ja sowieso jede unüberlegte Dummheit rückgängig gemacht werden kann. Es ist wie bei den Fotos: vielleicht mag man im Gegensatz zu früher mehr Versuche haben ein wirklich gutes Bild zu schießen, umso mehr versinkt aber der Rest in Belanglosigkeit“.
Der junge Bursche war erstaunt über das erneute Parieren seiner Argumente, versuchte aber noch ein letztes Mal, den alten Mann zu überzeugen: „Es mag sein, dass das auf manche Menschen zutrifft, Sie jedoch werden Ihre Art Nachrichten zu schreiben nicht ändern, aber eine wesentlich Sache optimiert sich ganz deutlich: Der Empfänger muss nicht lange auf den Brief warten, sondern bekommt die Nachricht noch in derselben Sekunde!“.
Nun war der Junge gespannt, ob der alte Mann immer noch eine Antwort auf Lager hatte. Dieser starrte kurz hinab auf den verschmierten Brief und den darunterliegenden Schnee, dann atmete er tief ein und sprach: „Wissen Sie junger Mann, mich überrascht, wie sehr sich die Menschen in der heutigen Zeit immer in Eile verhaspeln. Nicht einmal jetzt zur Weihnachtszeit ist es den meisten möglich, einmal innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Welcher Smartphone-Besitzer kennt schon noch das warme Gefühl, nach so langem Warten freudig mit der Antwort eines guten Freundes belohnt zu werden? Wo bleibt bei der Digitalisierung die Sehnsucht nach einem Lebenszeichen eines lieben Menschen, der nicht den ganzen Tag „online“ erreichbar ist? Wie oft seid ihr jungen Erwachsenen sogar noch enttäuscht und frustriert, wenn nicht sofort eine Rückmeldung kommt oder die erwartete Nachricht kurz und geistlos ausfällt? Wie jämmerlich wirkt eine emotionslos im Zug nach Feierabend gelesene Whatsapp-Nachricht vom vielleicht wichtigsten Menschen gegen einen auf dem warmen Sofa in Ruhe gelesenen Brief eines weit entfernten Freundes, bei dem man gespannt jede einzelne Zeile verschlingt? Wie viel mehr innere Wärme entfacht der liebevolle Brief an das Christkind eines kleinen Kindes im Gegensatz zur so bequemen Amazon-Bestellung kurz vor Weihnachten? Aber jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss meinen Brief jetzt noch abgeben. Ich wünsche Ihnen eine frohe und gesegnete Weihnacht im Kreise Ihrer Familie!“

Der junge Bursche blieb wie versteinert stehen, schien ihm doch seine ganze Sicht auf einmal so falsch. Im Nachdenken über all diese Dinge sah er noch, wie der alte Mann mit dem nassen Brief in der Hand durch das Friedhofstor huschte, bevor er im Schneegestöber verschwand.

Diese kleine Geschichte soll uns zeigen, dass es nicht immer auf eine Perfektionierung in unserem Leben ankommt. Vielmehr sollten wir uns die Zeit nehmen, diese neue schnelle Welt einfach kurz ohne uns weiter rotieren zu lassen.

Am Ende stirbt doch ein Stück Menschlichkeit durch die so unreflektierte Technisierung, die zwar sicherlich auch ihre Berechtigung und Vorzüge in einem modernen Leben hat, aber wohl spätestens das, was uns am wichtigsten ist, nicht abschwächen sollte: die Beziehungen zu unseren Familien und Freunden.
In dieser immer hektischer werdenden Vorweihnachtszeit des 21. Jahrhunderts sollte es zum Nachdenken anregen, ob die wunderbaren Dinge unseres Lebens nicht oft im Kleinen und Unscheinbaren verborgen liegen. Und vielleicht fühlt sich der ein oder andere dabei ertappt, einem lieben Menschen ganz altmodisch einen Brief zu schreiben, der vielleicht erst nach Weihnachten ankommt, aber doch das schönste Geschenk von allen sein könnte.