Der einsame Wolf

22. Dezember 2018

Es war einmal in einem kleinen Dörfchen umringt von einem Fluss fernab von den großen Städten. Es war Weihnachtszeit und die Bewohner des Dorfes schmückten ihre Häuser festlich mit vielen Lichtern und bemalten Figuren.

Ein weißer Saum hatte sich über die Stadt gelegt und spiegelte den Glanz der hellen Leuchten in fast jede Ecke des Dorfes. An einem abgelegenen Haus jedoch, gebaut auf einem kleinen Hügel, waren keine Lichter angebracht. Die alten Fenster waren morsch und starrten traurig in das prachtvolle Leuchten des Dorfes hinunter. In dem alten Häuschen lebte ein Mann, der von den älteren Dorfbewohnern „der einsame Wolf“ genannt wurde. Er war bereits in jungen Jahren zu beträchtlichem Reichtum gekommen, war aber sehr scheu anderen Menschen gegenüber und ließ sich ganz selten im Dorf blicken.

Lediglich bei seinen wöchentlichen Einkäufen traf man den einsamen Wolf in den gemütlichen Läden des Dorfes, wo er regelmäßig von den anderen Bewohnern verspottet wurde. „Hey du geiziger Hund, wagst du es auch einmal wieder dir eine alte Scheibe Brot zu kaufen?“, lästerte der Dorfschmid, als er ihn mit einem Säckchen aus der Bäckerei schleichen sah.
„Seht nur seine Lumpen an, daheim ein Kopfkissen mit Geld gefüllt, aber seit 20 Jahren den selben löchrigen Mantel“, schimpfte der Schneider.
Der einsame Wolf aber schwieg immerzu und ging mit gesenktem Kopf zurück hoch zu seinem kleinen Häuschen auf dem Hügel.

Je näher das von allen ersehnte Weihnachtsfest rückte, desto mehr zwang die Kälte die Bewohner noch enger zusammenzurücken und zu sparen. So wurde auch in diesem Jahr das Brennholz knapper und knapper, und auch die Essensvorräte gingen dem Ende langsam entgegen. Das Glück des Dorfes war jedoch, dass in den vergangenen Jahren immer ein wohltätiger Spender aus dem Nachbarsort kurz vor dem Christfeste eine große Menge an Waren liefern ließ. Die edlen Gaben waren mit wohlwollenden Weihnachtsglückwünschen versehen und für die Kinder waren immer noch einige Spielsachen und Leckereien dabei. Jedes Jahr stand am Ende der beiliegenden Karte mit großen goldenen Lettern „Wie glücklich ich nur wäre, könnte ich einer tollen Gemeinschaft wie eurer beiwohnen! Pflegt euren Zusammenhalt auch im neuen Jahr weiter und habt Freude an den schönen Dingen, euer Flo Wremsnie.“

Schon oft hatte der Bürgermeister des Dorfes versucht, den gutherzigen Spender aus dem Nachbarsort ausfindig zu machen und einzuladen, es war jedoch nie gelungen, einen Florian Wremsnie zu finden.
Am Tag vor Heiligabend schließlich begann ein starker Schneesturm zu toben und die letzten Scheitel Holz waren im Dorf aufgebraucht, ohne dass die Weihnachtswaren des edlen Herren eintrafen. Man hatte sich im großen Gemeinderatskeller in der Mitte des Dorfes versammelt, um die aktuelle Notsituation zu diskutieren.

„Nicht einmal für eine magere Suppe hat es bei uns heute gereicht“, klagte der Dorfschmid, “ich weiß nicht, wie ich das morgige Weihnachtsfest überhaupt überstehen soll“.
„Liebe Freunde, uns bleibt keine Zeit mehr, wir müssen handeln“, forderte der Bürgermeister mit lauter Stimme, „lasst uns zum einsamen Wolf gehen und etwas von seinem Ersparten einfordern!“.
„Eine vorzügliche Idee“, bestätigte ihn der Schneider, „der alte Knauser soll uns auch etwas von seinem Reichtum abgeben!“.
Also machten sich die Männer des Dorfes mit Fackeln auf, um im kalten Schneesturm spät nachts zum Haus des einsamen Wolfs auf den Hügel zu gehen.

Dort angekommen, klopfte der Bürgermeister an die morsche Holztür des Häuschens: „Mach auf, Wolf, die Dorfgemeinde benötigt deine Unterstützung“. Doch im Haus brannte weder Licht, noch war auch nur das leiseste Geräusch zu vernehmen.
Nachdem auch der Schmid und der Schneider ihr Glück vergeblich versucht hatten, ging der Förster zur Tür und schlug sie mit einer scharfen Axt entzwei. Als der Bürgermeister seine Fackel in das kalte Häuschen hob, trauten die Bewohner ihren Augen nicht: Mitten im Raum lag der einsame Wolf tot in seinem Bett, um ihn herum lagen kleine und große, liebevoll geschmückte und verzierte Säckchen mit lecker duftenden Waren und bunten Spielzeugen, während rechts neben dem Kamin eine große Menge an Holz aufgestapelt war. Auf dem Nachtkästchen des einsamen Wolfes lag ein Brief, welchen der Schmid an sich nahm und laut vorlas:
„Liebe Dorfgemeinde,
es scheint, als ob diesen Winter meine letzten Tage gezählt sind. Für diesen Fall habe ich den Mut gefasst, euch hiermit schriftlich mitzuteilen, was mir schon seit vielen Jahren auf der Seele brannte, ich aber zu feig war auszusprechen.
Seit meiner Kindheit an habe ich mich unwohl gefühlt im Beisammensein vieler Menschen. Ich liebte die Einsamkeit, wenngleich ich eure Dorfgemeinschaft immer bewundert habe. Mir ging das Herz auf, habe ich die Kinder in den Gassen spielen sehen, so blieb ich oft kurz stehen und beobachtete ihren Lebensfrohsinn aus der Ferne.
Freilich merkte ich und tat es mir weh, wenn über mich gelästert und geschimpft wurde, zu Lebzeiten blieb ich jedoch immer ein bescheidener Mensch. Mein Vater lehrte mich, dass Geben seliger ist als Nehmen und so versuchte ich Gutes zu tun mit meinem kleinen Glück an Reichtum.
Ich hatte Angst, wegen meiner Eigenartigkeit noch mehr verlacht zu werden, hätte ich den engeren Kontakt zu euch gesucht, und so blickte ich nur mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinab auf das so schöne Dorf, das ich so liebte wie eine Mutter ihren Sohn. Allein es war mir Lohn genug, eure Familien zumindest einmal im Jahr sich über meine Taten freuen zu sehen.
Nicht unweit im Nachbarsdorf habe ich viel Land und Wert, es soll fortan das Eure sein, auf das ihr es gut einteilt, um den Kindern am Christfeste auch künftig eine Freude zu machen.
Wie glücklich ich nur gewesen wäre, wäre ich ein Teil eurer tollen Gemeinschaft gewesen! Pflegt euren Zusammenhalt auch die nächsten Jahre weiter und habt Freude an den schönen Dingen im Leben,
euer Einsamer Wolf.“

Als der Schmid das letzte Wort des Briefes zu Ende gelesen hatte, blickten alle Dorfmitglieder betroffen in die Runde. Wie viel Unrecht sie doch alle dem edlen Wolf getan hatten. Es herrschte über eine Minute lang völlige Stille, bis der Bürgermeister plötzlich seinen Kopf hoch und zu der Gemeinschaft sprach:
„Liebe Dorfgemeinde,
es tut mir leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir heute das beste Mitglied unserer tollen Gemeinschaft verloren haben. Edel ist es, nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere Menschen zu denken. Noch ehrenhafter allerdings ist es, die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, nur um das Glück seiner Liebsten zu mehren. Fortan wollen wir an jedem Weihnachtsabend im Stillen gedenken dem einsamen Wolf, der sich selbst nichts gönnte, um nur noch einmal das Lachen der Kinder zu sehen. Er soll uns als Vorbild hell leuchten, unser Glück nicht in materiellen Dingen, sondern in unserer Familie und Gemeinschaft zu suchen.“

In diesem Jahr spürte man im Dorf einen ganz besonderen Geist, es schien, als ob der einsame Wolf zum ersten Mal von seinem Hügel hinunter ins Dorf gekommen war, um ein Teil der so wundervollen Gemeinschaft zu werden. Das ganze Dorf traf sich im großen Ratskeller, um gemeinsam die ganze Nacht Lieder zu singen und Bratäpfel zu essen. Und obwohl das Essen so knapp war wie in keinem Jahr zuvor, sollte es doch die schönste Weihnacht werden, die das Dorf je gefeiert hatte.