Die Sonnenwendfeier der Tiere

20. Juni 2019

Mit einem Affenzahn spurtete das junge Häschen über das Moos, vorbei an den vielen riesigen Baumstämmen im schattigen Wald.
„Oh Junge, so etwas habe ich noch nie gesehen“, keuchte es, sichtlich aufgeregt von dem, was es gerade auf der großen Lichtung entdeckt hatte. Sofort wollte es seiner Mutter berichten, wie es am frühen Abend des heißen Sommertages inmitten eines kleinen, verdorrten Grasfeldes ein stattliches, orange-gelbes Tier erblickt hatte, welches es noch nie gesehen hatte.
So geschwind rannte das kleine Häschen, dass die Bäume und Sträucher des Waldes verschwammen zu einem Wellenmeer aus vielen verschiedenen, satten Farben. Endlich kam es an an der großen Eiche, unter deren Wurzeln es mit seiner Mama ein gemütliches Erdloch eingerichtet hatten.
„Mama, Mama, ich muss dir unbedingt etwas zeigen“ schrie das kleine Häschen völlig außer sich, „da ist ein großes gelbes Tier auf der Lichtung!“.
„Ein großes gelbes Tier? So eines kenne ich nicht“, schmunzelte die Häsin mit einem zufriedenen Grinsen, „bist du dir sicher, dass dir die Hitze nicht zu Kopf gestiegen ist?“.
„Nein, nein Mama, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen, du musst unbedingt mitkommen!“, flehte das kleine Häschen seine Mutter an, so gerne wollte es wissen, was für ein seltsames Tier dort auf der Lichtung getanzt hatte.
„Na gut“, lachte die Häsin, „ich hoffe aber, der Weg lohnt sich und dein neues Tier ist nicht schon nach Hause getanzt“.
Und so liefen die beiden los in Richtung der großen Lichtung, an der alle Tiere im Wald sich schon im Frühling versammelt hatten, um das Ende des strengen Winters zu feiern. Die Sonne war bereits zu einer roten Kugel geschmolzen und senkte sich jede Minute mehr und mehr hinten am fernen Horizont. Es war wohl einer der längsten Tage des Jahres, denn obwohl es noch hell war hatten die Vögel bereits ihr abendliches Singen eingestellt und die Grillen hatten begonnen ihre schönsten Nacht-Symphonien zu zirpen.
Das Häschen und seine Mutter rannten so schnell, dass sie gar nicht bemerkten, dass der alte Uhu ihnen folgte, als er beide auf halbem Weg an seinem Lieblingsast vorbeihuschen sah. Nach einigen Minuten erreichten sie die Lichtung und das Häschen hatte Recht behalten: Dort tanzte tatsächlich irgendetwas großes, orange-gelbes in der Tagesdämmerung hin und her, auf und ab.
Vorsichtshalber betrachteten sie das seltsame Wesen aus sicherer Entfernung im Schutz der Bäume. „Auch ich habe ein solches Tier noch nie gesehen!“, flüsterte die Häsin ihrem Sprössling am Waldrand zu, „leider kann ich dir auch nicht sagen, wie es heißt“.
„Ich kann es euch sagen“, schaltete sich der alte Uhu plötzlich in das Gespräch ein, „es ist kein Tier“. Die Hasenmutter und ihr Kind blickten den Uhu verdutzt an und fragten aus einem Mund: „Aber was ist es dann?“.
„Das, das nennt sich Feuer“, erklärte der zottelige Uhu mit einem zufriedenen Grinsen, „es wird vom Menschen gemacht und ist sehr sehr heiß. Der Mensch benutzt es, um sich zu wärmen, als Lichtquelle oder um unbrauchbare Dinge zu verbrennen. Manchmal macht er es auch, um die lauen Sommernächte zu genießen und sich einfach nur des Lebens zu freuen“.
Plötzlich hatte das kleine Häschen eine Idee: es schaute sich kurz im Wald um und schnappte sich ein altes Stück Plastikverpackung von einer Schokolade. Dann rannte es vor zum Feuer und warf es vorsichtig hinein. Sofort wurde die Spitze des Feuers ein wenig höher und tanzte in noch größeren Zackenbewegungen in Richtung Himmel.
Freudig verkündete das kleine Häschen: „Lasst es uns auch so machen wie die Menschen: wir verbrennen all den Müll im Wald und erfreuen uns des Lebens!“
„Ich finde, das ist eine großartige Idee!“, nickte der alte Uhu zufrieden, packte sich ein kleines Stück vergilbten Karton, flog über das Feuer und warf es ab. Daraufhin schrie er ein lautes Heulen aus, welches weit hinaus in den Wald hallte. Das kleine Häschen traute seinen Augen nicht: Auf einmal kamen von allen Seiten sämtliche Tiere aus dem Wald herbeigelaufen. Sie alle trugen irgendeine Art von Müll zwischen ihren Zähnen: der große Hirsch hatte eine kleine Plastikgießkanne, die Wildschweine kamen mit Essensverpackungen, die Vögel kreisten mit Zigarettenstummeln in ihren Schnäbeln über die Lichtung und sogar die Ameisen trugen unter streng organisiertem Kommando ein altes Plüschkuscheltier zum Feuer.
Das Feuer wuchs und wuchs und wurde immer größer, nach einigen Minuten waren bereits alle Tiere des Waldes an der Lichtung versammelt und blickten auf das Feuer, welches nun über die höchsten Bäume hinausragen sollte.
„Unser Wald ist endlich wieder sauber“, frohlockte die Häsin, „aber ich habe noch ein wenig Angst. Der Mensch wird das Feuer sicher sehen. Was ist, wenn er durch das große Feuer aufgeschreckt wird?“.
Der alte Uhu aber setzte nur eine ernste, überlegte Miene auf und sprach: „Wenn das Feuer zu groß wird, wird der Mensch kommen und es löschen. Er soll ruhig sehen, wie viel Müll er hier im Wald hinterlässt. Vielleicht gibt er ab heute besser Acht auf uns und Mutter Natur“.
Die ältesten und größten Tiere dachten kurz über das Gesagte nach und nickten übereinstimmend mit dem alten Uhu.
„Lasst uns jedes Jahr zur wärmsten Zeit ein so schönes Feuer machen, um den Menschen daran zu erinnern“, rief das kleine Häschen und freute sich der lauen Sommernacht, die durch das Feuer nochmal eindrucksvoller wurde.
„Das wäre doch eine hübsche Tradition“ lächelte der Uhu und alle Tiere des Waldes blieben noch weit bis in die Nacht wach, um das erste Mal ihre ganz eigene Sonnenwendfeier zu feiern.