Momente des Lebens

5. Mai 2020

„Irgendwie bist du komisch Stefan, fast nie postest du was aus deinem Leben, irgendwie glaube ich manchmal, dass du gar nichts aus deinem Leben machst“, sagte Freddy und deutete auf den Bildschirm seines Smartphones, „hier schau mal, was ich alleine heute alles gemacht habe“.

Die Bilder in der Instagram-Anwendung wechselten tatsächlich von einem Fitnessstudiobesuch über einen fettigen Burger im angesagtesten Lokal der Stadt zu einem Video, in dem Freddy einige Sekunden etwas in die Kamera sagte, das Stefan akustisch nicht verstand oder zumindest nicht verstehen wollte.

Stefan wurde etwas verlegen und antwortete „Naja, ich mache schon viel, ich poste halt einfach nicht alles“, aber es schein, als ob Freddy ihm gar nicht zuhörte, selbstbewusst starrte er immer noch auf sein buntes Display mit den vielen Fotos seines Instagram-Accounts.

„Weißt du Stefan, das Leben ist kurz, man muss es richtig auskosten und da zählt jeder Moment“, erklärte Freddy weiter und machte mit seiner Hand eine lässig-schwingende Bewegung, „ich muss jetzt auf jeden Fall los, denk einfach mal drüber nach und bis morgen“.

Stefan sah Freddy noch nach, als dieser auf dem Smartphone tippend im U-Bahn-Eingang verschwand. Er hatte schon eine Menge schöner Fotos, die er bei seinem täglichen morgendlichen Waldspaziergang geschossen hatte, aber weder war er selbst auf den Fotos zu sehen noch glaubte er, dass sich irgendjemand für solche Fotos wesentlich interessieren würde. Viel interessanter schien es dagegen, wie viele Ausflüge und Restaurantbesuche seine Freunde und Klassenkameraden so machten.

Einige Wochen später änderte sich dies alles schlagartig:  Der Corona-Virus sorgte dafür, dass alle Restaurants und Freizeitaktivitätsstätten geschlossen werden mussten. Für Stefan, der als Student mit ärmeren Eltern sowieso nicht so viel Geld für diese Dinge zur Verfügung hatte, stellte das kein großes Problem dar, im Gegenteil: Endlich fand er aufgrund der ausgefallenen Vorlesungen die Zeit sich mit seinen vielen Hobbies zu befassen: So konnte er endlich die vielen Naturfotos auf dem Rechner bearbeiten und sich dem Malen widmen. Er hatte schon eine ganze Menge Bildideen, die er nun endlich beginnen konnte. Sein Zimmer sah unordentlicher aus denn je, so lagen überall Zettel mit Notizen auf seinem Schreibtisch herum, seine Farbpinsel steckten in einem großen Köcher neben den vielen Leinwänden mit angefangenen Skizzen und seine geliebte Kamera hing für die schnelle Greifbarkeit lässig über dem Stuhl.

Einige Tage nach dem Beginn der Quarantäne öffnete Stefan seinen Instagram-Account, den er nur sporadisch checkte und erkannte zu seiner Überraschung, dass es den meisten seiner Studienkollegen komplett anders erging: Im Gegensatz zu den vorherigen Wochen waren fast keine neuen Beiträge zu sehen und die täglichen Kurzgeschichten hatten sich auch auf ein überschaubares Minimum reduziert. Stefan tippte Freddys Namen ein und sah, dass dieser seit fünf Tagen nichts mehr gepostet hatte. War Freddy etwas zugestoßen? Hatte er Corona und war vielleicht sogar im Krankenhaus? Immerhin war er so viel unterwegs gewesen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung nicht unrealistisch war. Also wählte Stefan Freddys Nummer und rief ihn an. Es tutete ein paarmal, dann antwortete eine bekannte Stimme: „Hi Stefan, alles fit bei dir?“

„Mir geht es gut“, sagte Stefan beruhigt, als er Freddys Stimme erkannte, „ich wollte mich nur informieren, wie es dir so geht, man hört ja doch einiges wegen Corona“.

„Mir fehlt nichts“, lachte Freddy am Hörer auf, „ich sitze ja schon seit Tagen hier in meiner Bude und langweile mich. Mich kotzt es richtig an, ich kann wirklich gar nichts unternehmen: alle Restaurants dicht, Bars geschlossen, nicht einmal shoppen kann man zurzeit gehen. Dir wird’s ja auch nicht viel anders gehen, oder? Wie trist ist das Leben nur geworden?“.

Als Stefan Freddys verzweifelten Ton wahrnahm wurde ihm plötzlich etwas Erschreckendes klar: Wie sehr hatte sich seine Generation gefangen nehmen lassen von dem Zwang, etwas nach außen darstellen zu müssen? Jede noch so banale Errungenschaft wird fotografiert und der Welt präsentiert, bloß um von möglichst vielen Leuten die Bestätigung zu bekommen, dass das eigene Leben auch wirklich interessant und lebenswert ist. Waren es im Gegenteil nicht genau die Augenblicken, die man nur in einem sehr engen Kreis auch ohne Bilder und Videos nie vergessen wird? Wie brutal stürzte diese oberflächliche Welt nun zusammen, als es nicht mehr möglich war diesen kurzweiligen Konsummustern zu folgen?

Stefan wähnte sich überglücklich, dass das jetzt aufblühte, was er über all die Jahre so mühevoll gesät hatte: alle die vielen Stunden, in denen er seine Fotografie und Fotobearbeitung perfektioniert hatte, die unzähligen Bilder, die er gemalt aber immer wegen seinem Perfektionismus verworfen hatte. Nun konnte er mit der vielen Zeit richtig genießen, wie sich sein Inneres in der Kunst verfestigte und so viel mehr darstellte als der hundertste schlabbrige Burger, der trostlos in den tausenden Stories überflogen und nach einer Sekunde vergessen war. Jetzt endlich hatte er die passende Antwort für Freddy, die er vor ein paar Tagen sowieso niemals verstanden hätte:

„Weißt du Freddy, das Leben ist viel zu kurz, als dass ich meine wertvolle Zeit durch deprimierende Langeweile verschwenden würde. Viel wichtiger ist doch genau jetzt die Momente zu schätzen, die einem selber gehören und sich mit sich selbst zu beschäftigen und zu überlegen, was man wirklich im Leben will. Wie du weißt war ich noch nie abhängig von irgendwelchen sinnlosen Dingen, die ich mir eh nicht leisten konnte. Vielleicht habe ich nicht so viele Posts und Stories auf Instagram, aber dafür leben die Sachen die ich mache länger als einen Tag, bis sie wieder von der Neuigkeitenseite verschwunden sind. Meine Erinnerungen aber halten ewig!“.

Nachdem Stefan diesen Satz zu Ende gesprochen hatte erkannte er, wie Freddys Blick sich von verzweifelt zu nachdenklich wandelte. Vielleicht erinnert auch uns die jetzige Situation an die Dinge, die man nicht teilen muss und die trotzdem für unser Leben eine höhere Relevanz haben als jeder Beitrag in den sozialen Medien.